Montag, 1. März 2010

Auslegung

Ansätze zur Erforschung der Geschichte des Urchristentums mit biblischen und außerbiblischen Quellen aufzuspüren, als eine von mehreren hermeneutischen Ansätzen, sollte nicht dazu führen, dass die biblischen Texte und die Glaubwürdigkeit ihrer Autoren unter Verdacht gestellt werden (Der Begriff Hermeneutik des Verdachts wurde von Elisabeth Schüssler-Fiorenza in "In Memory of Her" entwickelt.) Der Name für eine Hermeneutik, die wenig Sichtbares ans Licht heben will, ist nicht besonders klug gewählt meiner Meinung nach, da sie Mißtrauen erweckt.
Doch sind wir nicht alle ein wenig neugierig, welche Aufgaben die im NT erwähnten Frauen hatten? Warum nicht Plausibilitäten prüfen?

Aber warum wird so dringend ein Vorbild im NT gesucht, um kirchliche Ämter für Frauen zu legitimieren? Die fachliche und persönliche Qualifikation sollte bei der Wahl der Ämter entscheiden. Es sollte auf die Theologie, auf den Inhalt der Lehre ankommen. Gerade wenn es nichts außergewöhnliches mehr ist, dass Frauen kirchliche Ämter übernehmen, können die Frauen sich stärker um die Mitte und die Tiefe der Theologie kümmern, anstatt sich immer wieder rechtfertigen zu müssen, dass sie ein Amt ausüben wollen.

Sich kein Bild von Gott zu machen, Gott nicht festzulegen auf eigene Vorstellungen ist geboten. Für mich bedeutet die Anrede von Gott als Vater daher keine Einschränkung von Gott auf Elemente, die mit menschlichen Vätern verbunden werden. Neben den sogenannten väterlichen Aspekten umfasst Gott auch biblisch sogenannte mütterliche Aspekte und auch Aspekte der Beziehung zwischen Eheleuten. Um das bewußt zu machen, kann ich auch mal mehrere Namen für Gott verwenden, gerade damit keine Eigenschaft verabsolutiert wird.
Ist "Erbarmen" nun eine väterlich-männliche Eigenschaft oder eine mütterlich-weibliche? Im integrierten Gottesbild wird diese Differenzierung aufgehoben. (Erbarmen nur wegen des Wortzusammenhangs mit Gebärmutter auf Mütter zu begrenzen wäre absurd.). Sowohl im Alten Testament wird Erbarmen mit Gott verbunden.

Das Einbringen von Erfahrung in die Theologie ist nicht neu und gibt es nicht erst, seitdem Frauen Theologie studieren.
Mystik, Pietismus, soziale Theologie zu der auch die Befreiungstheologie gehört, die auch als kritische Anfrage an die traditionelle Theologie gehört werden sollte, sind Beispiele.
Warum sollten also nicht auch die Erfahrungen von Frauen benannt werden? Wenn sie benannt werden, stellt sich oft auch heraus, das Männer ähnliche Erfahrungen machen und die Erfahrungen gar nicht nur speziell sind und ausschließlich Frauen betreffen. Es gibt Erfahrungen, die Frauen weltweit gemeinsam haben, aber insgesamt sind die Unterschiede der Erfahrungen von Frauen in verschiedenen Kulturen oft größer als zwischen Männern und Frauen in einer Kultur. Jede Erfahrung muss reflektiert und an der Bibel geprüft werden. Denn was anderes greifbar und nachprüfbar Objektives außer der Bibel haben wir für unseren Glauben?

Sola scriptura galt Luther zwar hauptsächlich als Gegensatz zu Dogmen der Tradition und sollte auch nicht absolut gestellt werden, weil wir die Schrift nur immer wieder neu auslegen können, nicht wie es uns gefällt, sondern wie sie uns anspricht.
Es geht darum, die Schrift in Beziehung zu unserem Leben und Glauben zu setzen. Aber können wir Handlungsanweisungen aus der Bibel ableiten? Aus den Buchstaben nicht, aber im Hören auf Gottes Wort können sie geleitet werden.

Wie können wir uns am besten an das, was tatsächlich in der Bibel steht und gemeint ist, annähern, als dass wir uns sowohl die eigenen Voraussetzungen und Erfahrungen möglichst bewußt machen als auch die geschichtlichen Umstände der biblischen Inhalte und ihrer Autoren?

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